24 Stunden, 73 Reisezüge

Hannover – Bebra – Gemünden (– Würzburg): Die Nord-Süd-Strecke hielt den Norden und den Süden der Bundesrepublik zusammen wie eine Klammer.

Kilometer 81,2: Der IC 180 „Karwendel“ Innsbruck – Bremen rauscht am 5. August 1984 zwischen Göttingen und Hannover bei Hohnstedt durch die typische Landschaft der Nord-Süd-Strecke. Es führt die 120 002. © Lok-Magazin
Als ich im Wintersemester 1977/78 mein Studium in Göttingen aufnahm, lag die Zeit der Dampflokomotiven bei der Deutschen Bundesbahn gerade ein halbes Jahr zurück. Zwar waren noch allerorten ihre baulichen Relikte zu sehen, doch vergeblich lauschte man nach dem gellenden Pfiff der Dampfpfeife und ebenso vergeblich spähte man an der Bahnstrecke nach einer Rauchfahne, dort, wo Schienen und Oberleitung am Horizont miteinander verschmolzen.

Wie viele Eisenbahnfreunde in jener Zeit hängte ich mein Hobby (stellvertretend dafür natürlich den Fotoapparat) an den Nagel und widmete mich meinem neuen studentischen Leben. Das tägliche Einerlei auf der Nord-Süd-Strecke in Form von Einheits-Elloks war für mich nicht interessant.

Und wieder geht etwas zu Ende …
Im Frühjahr 1979 las ich zufällig im lokalen Tageblatt die Meldung, dass das seit seiner Einführung zum Winterfahrplan 1971/1972 überwiegend erstklassige InterCity-System der Deutschen Bundesbahn ab dem Sommerfahrplan 1979 grundsätzlich auch die zweite Wagenklasse führen sollte. Vom sogenannten Programm „IC ’79“ unter dem Slogan „Jede Stunde, jede Klasse“ war demzufolge auch das InterCity-Zugpaar IC 190/191 Ludwigshafen – Frankfurt – Hamburg-Altona betroffen, eine Leistung, die in den Jahren zuvor von den ehemaligen TEE-Dieseltriebwagen der Baureihe 601 (bis 1968: VT 115) erbracht wurde.

Sie trugen daher in jener Zeit auf ihren Frontpartien ein Blechschild mit der Aufschrift „InterCity“ über dem TEE-Emblem. Da diese Triebzüge nur die erste Wagenklasse führten, war abzusehen, dass sie im Programm „IC ’79“ überflüssig werden würden.
Ich war wie elektrisiert, denn die eleganten Triebzüge der Baureihe 601 hatte ich schon seit frühester Kindheit bewundert. Ich er­innere mich genau an ein Werbeplakat der Deutschen Bundesbahn, auf dem das beige-rote Aushängeschild des gehobenen Fernverkehrs an einem winkenden kleinen Jungen vorbeirauscht. TEE – diese drei erhabenen Buchstaben auf der langgezogenen Frontpartie prägten sich mir damals besonders ein und erfüllten mich als Kind mit ein wenig Ehrfurcht, wo immer ich einem solchen Zug auf Reisen mit meinen Eltern begegnete. Ich nahm also meinen Fotoapparat wieder vom Nagel und begab mich an die Nord-Süd-Strecke, um mit Farbdias die letzten Einsatzwochen der Baureihe 601 als InterCity 190/191, sehr passend mit dem stolzen Namen „Sachsenross“ versehen, zu dokumentieren. Auf diese Weise begann ich, die Nord-Süd-Strecke kennen zu lernen.

Geschichte
Die „Nord-Süd-Strecke“, wie wir sie heute als durchgehende Nord-Süd-Verbindung kennen, hat es bis 1945 so gar nicht gegeben. Sie fasst mehrere historisch gewachsene Bahnstrecken (oder Teile davon, siehe Kasten unten) zusammen. Zwar waren die einzelnen Strecken nicht unbedeutend, dennoch gab es keinen nennenswerten durchgehenden Verkehr von Hannover über Bebra und Fulda nach Würzburg oder Frankfurt (Main).

Die Hauptverkehrsströme bevorzugten andere Relationen: Vom Norden Deutschlands in Richtung Bayern lief der Verkehr über Leipzig bzw. Halle und die Saalebahn, der Verkehr in Richtung Frankfurt (Main) nahm seinen Weg ab Göttingen über die Dransfelder Rampe nach Hann Münden und weiter über Kassel, Marburg und Gießen (Main-Weser-Bahn). In unserem Beitrag beschränken wir uns jedoch auf die Linie Hannover – Gemünden am Main (– Würzburg) ohne den Abzweig nach Frankfurt am Main.

Streckenverlauf
Die Nord-Süd-Strecke hat ihren Ausgangspunkt in Hannover Hbf. Bis Göttingen verläuft die Trasse ohne nennenswerte Steigungen und relativ geradlinig durch das mehr oder weniger breite Leinetal, zwischen Edesheim und Göttingen teilweise in enger Parallellage zur Neubaustrecke Hannover – Würzburg. Wichtige Zwischenstationen sind Alfeld (Leine), Kreiensen und Northeim (Han).

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