Baureihe 78 (IV): Über 50 Jahre zwischen Ostsee und Bosporus aktiv

Nach 1918 fanden sich T 18 in Frankreich, bei den Bahnen in Elsass-Lothringen und kurzzeitig in Belgien. Nach 1945 kamen 49 Loks bei der Deutschen Reichsbahn in der DDR wieder in Fahrt und 29 Maschinen verblieben in Polen.

Von Stefan Vockrodt

Was für ein herrlicher Zug! Die 78 395 vom Bw Frankfurt (Oder) hat am 30. August 1967 Dienst vor dem P 3318 nach Erkner. Hier in diesen Wäldern spielt Hauptmanns Novelle „Bahnwärter Thiel“	Foto: Hans Müller © Hans Müller

Auch in Frankreich und in der Türkei liefen T 18. Fast überall erreichten die Lokomotiven das sechste Betriebsjahrzehnt

Die T 18 gehört zu den wenigen Loktypen, die bei der Deutschen Bundesbahn länger in Dienst standen als bei der Reichsbahn in der DDR. Das liegt im Wesentlichen daran, dass das Bw Rottweil seine „letzten Mohikaner“ zur Freude hunderter Eisenbahnfans im Bestand hielt und die Fristen bis ultimo ausreizte, solange es die Hauptverwaltung zuließ.
In der Sowjetischen Besatzungszone fanden sich 1945 insgesamt 53 Lokomotiven der Baureihe 78 wieder, von denen vier (78 006, 179, 314 und die Reste der 457 schließlich im Jahr 1953) so schwer beschädigt waren, dass nur die Ausmusterung blieb. Die übrigen 49 Maschinen kamen nach und nach wieder in Fahrt. Erst 1957 standen alle 49 wieder im Einsatz, die letzten kriegsbeschädigten T 18 – 78 043, 079, 424 und 425 – kamen nach ihrem Aufbau beim Raw Halle (Saale) wieder in Dienst.

Die 78er waren dabei zunächst bei den Direktionen und in den Bahnbetriebswerken stationiert, die auch vor dem Zweiten Weltkrieg schon T 18 in ihrem Bestand gehabt hatten. Bis Ende der 1960er-Jahre standen die Loks bei den Rbd’en Greifswald (Nachfolge Stettin), Erfurt, Cottbus und Berlin im Dienst. Waren zunächst alle 78er in der Rbd Erfurt zusammengezogen worden, so wurde ab 1960 der Berliner Raum zu einem Einsatzschwerpunkt der Baureihe 78.

Bis 1966 wurde die Baureihe 78 bei der Reichsbahn voll unterhalten, ab 1963 erhielten die Loks Wittebleche, die seitlich an der Rauchkammer angebracht waren. Doch von 1967 bis 1970 schieden die Loks aus dem Bestand aus. Neue V 180, V 100 und freiwerdende Loks der Reihe 2310 (aber auch 6510) ersetzten die T 18.

S-Bahn Lok im Berliner Umland
Als erste T 18 nach rund 30 Jahren in Berlin erhielt das Bw Lichtenberg 1960 die 78 010, 178 und 240. Zur gleichen Zeit wurde auch das südlich der geteilten Stadt gelegene Bw Seddin Heimat von 78 079, 167, 172, 188 und 501. Die zunehmende Abschnürung West-Berlins durch das DDR-Grenzregime hatte dazu geführt, dieses frühere Güterzug-Bw mit Reisezugaufgaben zu betrauen.

Die T 18 des Bw Seddin liefen vor Berufspendlerzügen auf dem westlichen Berliner Außenring, wobei sie auch als Wendebahnhof den Bahnhof Berlin-Wannsee anliefen, aber auch Dessau wurde Wendebahnhof der Loks. Die Lichtenberger Loks bespannten auch Vorortschnellzüge zwischen Hauptbahnhof bzw. Friedrichstraße und Falkensee auf dem nördlichen Außenring. Auf der alten Ostbahn und der Strecke nach Frankfurt (Oder) fand man die T 18, das dortige Bw beheimatete auch einen kleineren Bestand.

Mit dem Bau der Berliner Mauer und der endgültigen Teilung des S-Bahn-Netzes wuchs der Bedarf an Loks für die Züge über den Außenring stark an. So kamen weitere 78er aus der Rbd Erfurt nach Berlin, nun wurde auch das Bw Ostbahnhof zur Dienststelle. Auf dem nördlichen Außenring musste die T 18 auch Züge ziehen, die aus drei vierteiligen Doppelstockgarnituren bestanden und die nicht mehr taufrischen Maschinen stark forderten. 1969 endete nach knapp zehn Jahren der Einsatz der 78 im Berliner Raum.

Die letzten Loks waren 78 009, 109, 123, 143 und 394 beim Bw Wustermark und die Seddiner 78 030, die aber nur noch als Reserve diente. In Wustermark gingen 1970 als letzte die nun als 78 1030, (1)284 und (1)109 bezeichneten Lokomotiven aus Abstellgleis. 78 1030 trug als einzige ihrer Baureihe noch neue EDV-Nummernschilder und lief bis zu ihrer Ausmusterung mit dem alten, runden Führerhaus.

Seiten

Tags: 
Weitere Themen aus dieser Rubrik

ET 184 41, 42/ ET 185 01: Elektrische Pioniere

Am 4. Dezember 1895 eröffnete die Localbahn AG in Württemberg zwischen Meckenbeuren und Tettnang die erste elektrische Vollbahn in Europa.

Für den...

weiter

Baureihe 140 im Emsland: Die Funken schlagen

Im Emsland tummelten sich früher die Dampflokfans. Doch Geschichte wiederholt sich: Das Emsland zieht heute Ellok-Nostalgiker an. Warum das so ist, lesen Sie hier!

Lokführer im Ruhrgebiet in den 1970ern: Oft um den Kirchturm herum

In den frühen 1970er-Jahren arbeitet Peter Schricker als Lokheizer im Bahnbetriebswerk Duisburg-Wedau. Seine Dampflok-Einsätze sind die typischen jener Jahre:... weiter