Bunter Paradiesvogel

Allein durch seine auffällige Lackierung war der vor zehn Jahren eingestellte Touristikzug ein ganz besonderer Hingucker.
Die erste Pressefahrt im Oktober 1995, Halt zum Ausstieg der geladenen Gäste im Essener Hauptbahnhof. © Thomas Feldmann
Die Farben des Zuges – saphirblau, laubgrün, verkehrsgelb, himmelblau und weiß – standen für die Elemente Wasser, Land und Luft. Sie vermittelten optisch den Eindruck einer herrlichen, am Zugfenster vorbei fliegenden „Sommerlandschaft“. Einen derart aus der Rolle fallenden Zug hätte man der nach Vereinheitlichung und Gewinnoptimierung strebenden jungen Deutschen Bahn im Jahr 1995 eigentlich nicht zugetraut.

Ebenfalls erstaunlich war es, dass es passend zu den Wagen auch drei entsprechend lackierte Lokomotiven geben sollte. Die diversen Änderungen im Inneren der zehn ausgesuchten Wagen und die aufwändige Airbrush-Lackierung wurden im Ausbesserungswerk Krefeld-Oppum ausgeführt.

Der Zug mit einer Kapazität für bis zu 330 Fahrgäste war zusammengestellt aus:
–    vier Großraumwagen Bauart Bpmz 857,
–    drei Abteilwagen Bvmkz 856 (zuvor eingesetzt im Lufthansa-Airport-Express Frankfurt – Stuttgart),
–    zwei Speise-/Clubwagen WRkmz 858 und
–    einem Gepäckwagen Dmsdz 859.

Der Gepäckwagen, u. a. ausgerüstet für die sichere Unterbringung von Fahrrädern und Skiern, erhielt als besonderes Extra Hub-Plattformen, um schwere Gegenstände direkt vom Bahnsteig aufnehmen zu können. Bis Mitte September 1995 waren alle Wagen in Krefeld fertiggestellt und nach ihrer Überführung zum Bww Dortmund entsprechend miteinander gekuppelt. Dort gesellten sich auch die Lokomotiven zum Zug.

Als starkes Zugpferd auf elektrifizierten Hauptstrecken kam aus dem Aw Opladen am 16. September 1995 die Frankfurter 103 220. Zehn Tage später rückten auch die für den Einsatz auf Haupt- und Nebenstrecken ohne Fahrdraht vorgesehenen Regensburger 218 416 und 218 418 in Dortmund ein und komplettierten nach ihrer Umlackierung im Aw Bremen die Garnitur.

Am 7. Oktober 1995 fuhr der komplette Zug mit beiden 218ern erstmals für eine Vorab-Präsentation von Dortmund nach Aachen Hauptbahnhof und zurück. Tags darauf brachte 103 220 den Zug, mit den beiden 218ern im Schlepp, durch das Rheintal nach Frankfurt. Bereits am 9. Oktober konnte der Zug nach der offiziellen Vorstellung seine erste große Fahrt als Dz 18977 nach Wien absolvieren. Viele, viele Fahrten folgten und auch die Kritiker des Projektes wurden eines Besseren belehrt.

Aufgrund der überdurchschnittlichen Auslastung entschied sich die Bahn nach wenigen Monaten, einen zweiten Touristikzug für den Standort Stuttgart im Juni 1996 auf die Schienen zu stellen. Abweichend zum ersten, in Dortmund stationierten Zug (TZ1), gab es im „TZ2“ jedoch keine Telefone in den Großraumwagen und nur einen Speise-/Clubwagen. Um die Züge aber vom Angebot her gleich zu halten, wurden später jeweils zwei Großraumwagen zwischen den Garnituren getauscht.


218 418 bis 2007 bunt unterwegs
Der Touristikzug gelangte übrigens sogar auch auf eine Telefonkarte. Mit dem Konterfei der 103 bewarb sie das „Neue Reisen“ mit den Vorteilen des Clubwagens mit Bistro, Lounge und Foyer, dem Kinderabteil und dem angenehmen Service am Platz.
Nach der Einstellung des Produktes Touristikzug im Jahr 2001, in das die Bahn insgesamt  15,4 Millionen DM investiert hatte, fanden zwei der drei Speisewagen Verwendung bei der City-Nigth-Line. Die restlichen Wagen kamen noch eine ganze Weile in der Touristik-Lackierung als Knotenpunktreserve und für Sonder- und Ersatzverkehr zum Einsatz. Nach und nach wurde sie wieder umlackiert und für den Alltagsdienst hergerichtet.

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