Die Unglücksraben

Eine skurrile Situation: Zum einen fahren Elloks wie die 140er durchs Land, die ein nie gekanntes Einsatzalter erreicht haben. Zum anderen aber steht die 120.1, eine gerade erst 25 Jahre alte und technisch deutlich modernere Baureihe, vor einer ungewissen Zukunft! Von Marcus Niedt
Die orientrot lackierte 120 145 legt sich mit einem stilreinen InterRegio zwischen Augsburg und München in die Kurve. Dieser Abschnitt ist heute viergleisig ausgebaut	Marcus Niedt © Marcus Niedt

Die Geschichte der Baureihe 120.1 ist die eines Scheiterns. Erst kam der Bau der – dringend benötigten – Lokomotiven wegen Geldmangels nicht in Gang. Dann verzögerten Umbauwünsche und Pannen die Fertigstellung. Kaum im Einsatz machte der ICE sie wieder überflüssig. Dass zahlreiche 120.1 heute als Reservelokomotiven ihre Zeit abstehen, macht deutlich, dass ihre besten Jahre vorüber sind, bevor sie begonnen haben.
Mit dem Bau der fünf Vorserienlokomotiven der Baureihe 120.0 war die DB trotz zahlreicher skeptischen Stimmen, die weiterhin auf bewährte Technik setzen wollten, ein Wagnis eingegangen. Der Umstand, dass gleich fünf Prototypen gebaut wurden, zeigt, dass die Unsicherheit groß war – aber auch der Wille, Neues zu wagen und die Drehstromtechnik intensiv zu erproben. Mit der Baureihe 120 gelang ein gewaltiger Schritt nach vorn, denn nach unzähligen Versuchen und zahlreichen Verbesserungen verfügte die DB im Jahr 1983 über die erste serienreife Drehstrom-Hochleistungslok der Welt! Im Frühjahr 1984 schien man am Ziel: anstelle vieler Typen für unterschiedlichen Aufgaben stand eine Lok zur Verfügung, die alles konnte. Hinzu kamen die Vorteile der Drehstrommotoren: Sie sind fast wartungsfrei, klein und leicht und dennoch sehr leistungsfähig.
Nach den erheblichen Investitionen der Industrie in die Erprobungslokomotiven der Baureihe 202 versprach die neue Technik ein interessantes Geschäftsfeld zu werden, denn der Ellokbestand – zahlreiche Altbauellok und die auch schon über 30 Jahre alten Einheitselloks – war stark überaltert.
Mit der Baureihe 120.0 war ein Quantensprung in der Lokomotivtechnik gelungen. Doch brachte die katastrophale finanzielle Entwicklung der DB den Erneuerungsprozess zum Stillstand und die Lokomotivhersteller an den Rand des Ruins. Leere öffentliche Kassen und eine schlechte Wirtschaftslage verhinderten die Bestellung der Serienlokomotiven, die eigentlich dringend benötigt wurden. Nachdem der neue Vorstand der Bahn sich von der Dringlichkeit neuer Fahrzeuge überzeugt hatte, gelang es unter Reiner-Maria Gohlke, den Bund zu erheblichen Investitionen zu bewegen. Ende 1984 konnte die DB zunächst 36 der neuen Lokomotiven bestellen, denen 1985 weitere 24 folgten. Die 60 Maschinen erhielten zur Unterscheidung von der Vorserie die Baureihenbezeichnung 120.1.

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