Endstation Würzburg

Die alte Residenzstadt am Main beherbergte bis 1984 die letzten E 18 und E 44 der Bundesbahn. Schön für die Fotografen, denn die Loks befuhren landschaftlich reizvolle Strecken. Von Ulrich Rockelmann

Oktober 1977: Der Eilzug Würzburg–Heidelberg hat gerade Zwingenberg (Neckar) durchfahren Thomas Naumann © Thomas Naumann

Der unterfränkische Eisenbahnknoten Würzburg erhielt bereits zu Zeiten der noch jungen Deutschen Bundesbahn Anschluss an das elektrische Schienennetz. So verwundert es nicht, wenn auch das hiesige Bahnbetriebswerk nahezu zeitgleich seine ersten Elloks zugeteilt bekam. Doch sollten die folgenden 30 Jahre von deutlichen Zäsuren im Lokbestand geprägt sein, in dem bis 1962 und dann wieder von 1975 bis 1984 Altbaumaschinen eine wichtige Rolle spielten. So wurde Würzburg zur letzten Heimat der Vorkriegs-Elloks und damit zum Mekka ihrer Liebhaber.
Von Mittelfranken (Fürth Hbf) her erreichte der Fahrdraht im Herbst 1954 Würzburg Hauptbahnhof – am 3. Oktober begann der planmäßige elektrische Betrieb. Da auch der Güterverkehr auf der Magistrale Frankfurt – Würzburg – Nürnberg große Bedeutung besaß und noch heute besitzt, überspannte die DB auch gleich den kurzen Abschnitt zum in Richtung Veitshöchheim gelegenen Rangierbahnhof Würzburg-Zell mit, um im Hauptbahnhof Lokwechsel zu vermeiden. Güterzüge in der Relation Nürnberg – Würzburg Rbf konnten somit ab 10. Oktober 1954 elektrisch verkehren.
Allerdings bildete Würzburg nur eine Etappe der süddeutschen Fernbahnelektrifizierung, denn schon bald wurde zügig in Richtung Rhein-Main-Gebiet weitergebaut. Die Strecke Würzburg Rbf – Gemünden – Aschaffenburg Hbf konnte dann offiziell ab 29. September 1957 elektrisch befahren werden. De facto war die Fahrleitung indes schon ab Ende August eingeschaltet! Wegen der teilweise schwierigen Geländeverhältnisse besonders durch den Spessart und zwischen Würzburg und Iphofen vermochte die moderne Traktionsart gegenüber dem Dampfbetrieb ihre Vorteile sehr deutlich auszuspielen.
1954 standen Elloks zunächst nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung – es konnte vorerst nur ein Teil der Zugleistungen umgestellt werden. Mit Stichtag 1. Januar 1955 beheimatete das Bw Würzburg lediglich zwölf Elektrolokomotiven (eine der Baureihe E 18, zwei E 44 und neun E 94)!
Die Arbeitsteilung war auf den ersten Blick klar: E 44 im Personen- und E 94 im Güterzugdienst. Die E 18 13 als Einzelgänger hatte das Bahnbetriebswerk Würzburg bereits im April wieder nach Nürnberg verlassen. Sie hatte vermutlich vor allem für Personalschulungen gedient. Wegen der damals noch geringeren Geschwindigkeiten kam mitunter die E 94 sogar zu Schnellzugehren zwischen Nürnberg und Würzburg; normalerweise verkehrten hier E 18 aus den Bw’en Nürnberg Hbf und Regensburg. Auf der windungsreichen Rampe hinauf nach Rottendorf, wo sich die Bahnlinie in die Äste nach Schweinfurt und Nürnberg verzweigt, machte sich die E 44 auch als Vorspannlok vor dampfgeführten Güterzügen nach Schweinfurt nützlich!
Während der Folgejahre stieg der Würzburger Ellokbestand nur bescheiden von elf auf 15 Maschinen an; erst nachdem der Fahrdraht Aschaffenburg erreichte, sollte sich dies gründlich ändern.

E 94 und E 44 verlassen Würzburg
Das Bw Würzburg erhielt nun in rascher Folge Neubaulokomotiven der Baureihe E 50, zum 1. Januar 1958 waren bereits 13 dieser Kraftprotze vorhanden. Parallel dazu hatte sich im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der E 94 von 13 auf zehn Maschinen verringert, dazu kamen noch drei E 44. Die Indienststellung weiterer neuer E 50 erfolgte voll zu Lasten der Reihe E 94, deren letzte Lok (es war die E 94 580) am 2. Juni 1958 vom Bw Würzburg an das Bw Aschaffenburg abgegeben wurde.
So bietet der nächste Jahresstichtag 1. Januar 1959 für den Würzburger Ellokbestand ein stark verändertes Bild: 22 E 50 und immerhin neun E 44. Damit wurden zahlreiche Personen- und Güterzugleistungen abgedeckt, während im Schnellzugdienst die Reihen E 18 und E 10.1 (letztere aus Frankfurt) dominierten. Durch das Aufstocken des E 44-Parks erreichten diese Altbau-Loks nun auch Frankfurt im Personenzugdienst.
Bis 1962 änderte sich an Beständen und Einsätzen der Würzburger Maschinen nur wenig, ehe der elektrische Betrieb auf der wichtigen Nord-Süd-Strecke (Lücke Elm – Gemünden) aufgenommen werden sollte. Im Vorgriff darauf mussten alle E 44 vom Bw Würzburg an das Bw Aschaffenburg abgegeben werden, was im Laufe des Jahres 1962 erfolgte. Als teilweiser Ersatz gelangte dafür ab Mai 1963 die Baureihe E 41 mit zunächst vier Maschinen zum Bw Würzburg. Altbau-Loks waren jetzt aber erst einmal zwölf Jahre nicht mehr in Würzburg beheimatet.

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