Großer Grenzverkehr

Für den Eisenbahnfreund sind in der Regel die Fahrzeugtypen ein untrügliches Indiz dafür, wo man sich befindet. Diese Regel gilt jedoch nicht für die Strecken rund um den Rheinfall bei Schaffhausen.

Text: Jörn Schramm
2009: Ein Zug mit dem Aushub aus einem Züricher Tunnel erreicht Wilchingen-Hallau	Alle Fotos Jörn Schramm © Jörn Schramm

Der als Autofahrer jemals den Weg vom Ende der A 81 über Schaffhausen nach Jestetten, Rafz oder in den Klettgau genommen hat, dem mag es gegangen sein wie dem Autor: Man passiert zahlreiche Grenzübergänge zwischen Deutschland und der Schweiz, und irgendwann weiß man nicht mehr, in welchem Land man sich gerade befindet. So wirr stellen sich, wirft man einen Blick auf eine Landkarte, hier die Grenzverläufe dar.

Das trifft auch die Bahnstrecken dieser Region, so dass an dem Prinzip „ein Land – eine Bahn“ niemals festgehalten werden konnte. Und es führt bis heute zu Besonderheiten und Merkwürdigkeiten wie der Situation, dass ein DB-Mitarbeiter im Schweizer Bahnhof Thayngen Fahrkarten nach Schweizer Zielen zum Halbtax-Preis verkauft – das Halbtax dort aber selbst nicht erhältlich ist.

Nur am Rande sei erwähnt, dass sich in dieser Region auch der einzige deutsche Landkreis befindet, der niemals von einer Bahnlinie berührt wurde: Büsingen ist, als deutsche Exklave, vollständig von schweizerischem Gebiet umgeben.

Geschichte
Kanton und Stadt Schaffhausen wurden erstmals 1857 durch eine Eisenbahnstrecke der Nordostbahn von Winterthur her erreicht. Am 13. Juni 1863 erreichte die erste „deutsche“ Strecke Schaffhausen: Die Großherzoglich Badische Staatsbahn eröffnete das letzte Teilstück der Strecke von Basel Badischer Bahnhof über Waldshut und den Klettgau nach Singen und Konstanz, die heutige „Hochrheinstrecke“. Damit war Schaffhausen auch an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen. Ein Staatsvertrag von 1852 zwischen Baden und der Schweiz regelt, dass diese Strecke als „einzige ununterbrochene Hauptbahn“ betrieben werden kann. Damit war der durchgehende Transport von Waren ohne zolltechnische Behandlung möglich.

Enttäuschung erzeugte die Streckenführung durch den schweizerischen Klettgau bei den deutschen Gemeinden Jestetten und Lottstetten, die sich dringend eine Verbindung in die Bezirkshauptstadt Waldshut gewünscht hatten. Bis 1929 wurden derartige Projekte vergeblich diskutiert. Nie gebaut wurde auch eine lange geplante Strecke von Jestetten über Beringen und Stühlingen nach Donaueschingen.

Eine Bahnverbindung erhielten die Orte dennoch: Am 21. Mai 1875 wurde zwischen dem Schweizer Bundesrat und der Großherzoglich Badischen Regierung ein Staatsvertrag geschlossen, der Vereinbarungen über den Bau einer Bahnlinie von Bülach über Eglisau, Lottstetten, Jestetten und Neuhausen nach Schaffhausen enthielt. Die Urkunde wurde am 28. Dezember des gleichen Jahres ratifiziert. 1897 wurde diese Strecke eröffnet.

Erwähnenswert ist noch, dass in den Staatsverträgen mit der Schweiz Militärtransporte über diese Strecken ausdrücklich ausgeschlossen wurden. In beiden Weltkriegen gab es natürlich trotzdem erhebliche Probleme mit dem Betrieb über die Ländergrenzen, der teilweise auch eingeschränkt oder ganz eingestellt wurde.

Heute berühren die Grenzverläufe die Menschen kaum noch – seit die Schweiz Ende 2008 dem Schengener Abkommen beigetreten ist, finden keine regelmäßigen Personenkontrollen mehr statt. Einzig der Zoll hat weiterhin ein kritisches Auge auf Ein- und Ausreisende.

Die Hochrheinstrecke
Diese Strecke wurde von Beginn an durchgehend von der Großherzoglich Badischen Staatsbahn betrieben und ging später auf die jeweiligen deutschen Staatsbahnen über. Letzter deutscher Bahnhof im Westen ist Erzingen. Die Strecke verläuft dann durch den schweizerischen Klettgau über Neuhausen nach Schaffhausen und weiter nordwärts nach Thayngen, der letzten Station auf Schweizer Seite. Von hier geht es wieder auf deutschem Boden weiter nach Singen und Konstanz.

Betrieblich ist diese Strecke heute keine Einheit mehr. Die einzigen durchgehenden Züge sind heute die von Ulm über Singen nach Basel verkehrenden IRE-Sprinter, gefahren mit Triebwagen der Baureihe 611. Ursache hierfür ist, dass der Abschnitt Schaffhausen – Singen elektrifiziert ist, während zwischen Schaffhausen und Basel die Dieseltraktion das Sagen hat. Neben den bereits erwähnten 611 verkehren vorwiegend Triebwagen der Baureihe 641 sowie einige 628.

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