Im Führerstand: Auf der 01 069

Ein junger Mann aus dem Westen wird heimlich auf den Führerstand einer 01 gelotst, mitten in der real existierenden DDR des Jahres 1976.
Lebt leider nicht mehr: Jürgen Buhr auf der 01 069 bei der Abfahrt in Berlin-Ostbahnhof …	Foto: Manfred Rössle © Manfred Rössle

Alles begann am 6. August 1975 in Berlin-Ostbahnhof. An diesem Tag war der von der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ in Dresden mit dem akademischen Grad des Diplomingenieurs ausgestatteter Reichsbahnoberinspektor Jürgen Buhr der Lokführer des D 371, auch als „Pannonia-Express“ bekannt, auf der alten Einheitsschnellzuglok 01 069.
Aber das wusste ich damals freilich noch nicht. Dem ging mein erster DDR-Aufenthalt im Januar 1975 bei Verwandten in Neustadt in Sachsen voraus, bei dem ich mich nur mit Einschränkungen den Dampfloks, dem wahren Anlass meiner Reise, widmen konnte. Mir wurde nämlich dringlichst davon abgeraten, Lokomotiven zu fotografieren, da dies nicht nur mich, sondern die Verwandten selbst in Schwierigkeiten bringen könnte. In meiner blutigen Unerfahrenheit beschränkte ich mich also eingeschüchtert darauf, der mir unbekannten Baureihe 99 nach der Devise „kleine Lok, kleines Unrecht“ nachzustellen.

Dennoch ereilte mich in Zittau vor einer abgelichteten 99er die erste amtliche DDR-Verwarnung eines Polizisten der Transportpolizei. Dort begegnete ich auch der angeblich letzten Zittauer 86er, der 86 555, am P 17868 nach Löbau. Deren Lokführer zeigte sich aufgeschlossen und ließ mich etwas Führerstandsluft schnuppern, wobei er nebenbei erwähnte, früher mit Altbundestrainer Helmut Schön in Dresden in einer Fußballmannschaft gespielt zu haben.

Wie sollte ich das alles bloß auf eine Reihe bringen? Vor diesem Hintergrund wurde das Begehren immer dringlicher, mehr Reichsbahndampf, auch ohne Visum zu erleben. Und das ging eben für Bundesbürger einigermaßen unkompliziert nur über einen Tagesaufenthalt in Ostberlin von Westberlin aus.

Ich verbrachte also im August 1975 eine Woche in Berlin, vor allem, um im Ostteil der Stadt nach „hochwertigem Dampf“ zu suchen. Und da stand, wie damals tagtäglich üblich, die Abfahrt des „Pannonia“ gegen 13.30 Uhr in Berlin Ostbahnhof mit einer 01 an.  An diesem extrem heißen Augusttag war die Garnitur bereits am Bahnsteig bereitgestellt, nur mussten ihr noch an der Zugspitze einige Kurswagen der ungarischen MAV (im Reichsbahnjargon die Abkürzung für „Mein Armes Vaterland“) beigestellt werden. Dies besorgte die Zuglok, von weitem als eine Altbau-01 erkennbar.

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