Ein Lokheizer im Bw Duisburg-Wedau und seine Einsätze

Lokführer im Ruhrgebiet in den 1970ern: Oft um den Kirchturm herum

In den frühen 1970er-Jahren arbeitet Peter Schricker als Lokheizer im Bahnbetriebswerk Duisburg-Wedau. Seine Dampflok-Einsätze sind die typischen jener Jahre: Güterzüge des Montanverkehrs, meist auf kurzen Distanzen.
Ein Lokheizer im Bw Duisburg-Wedau und seine Einsätze: Oft um den Kirchturm herum © Peter Schricker

Neonlicht – ein Gang, weiß gefliest –, die Zeiger der Uhr an der Decke rücken auf drei Uhr vor. Wir sind in den frühen 1970er-Jahren.

Das Ruhrgebiet kennt keine Nacht. Das Räderwerk aus Zechen, Stahlwerken, Kokereien und Eisenbahn ist pausenlos im Einsatz; die Montan- und Schwerindustrie der alten Bundesrepublik bäumt sich nochmal zu einem Boom auf.

Das Bahnbetriebswerk Duisburg-Wedau und seine Lokmänner sind fester Bestandteil dieses Getriebes. Und ich auch, seit ich dort eine Stelle als Lokheizer angenommen habe.

Fahrten über kurze Distanzen

Meine zivilen Klamotten sind im Spind verschwunden, getauscht gegen schwarze Jacke und Hose. Zusammen mit „meinem“ Lokführer wechsle ich vom Umkleideraum in die Lokleitung – Dienstbeginn: 2.58 Uhr.

Der Kollege hinter der Glasscheibe trägt unsere Meldung zum Dienst ein. Wir bekommen eine 50er für Zug 9053 zugeteilt, einen Ganzzug des Brennstoffverkehrs aus Frankreich ins Ruhrgebiet. Um 3:58 Uhr soll er im weitläufigen Rangierbahnhof Duisburg-Wedau eintreffen.

Zügig rüsten wir unsere Lok für die Fahrt auf, machen uns auf den Weg zum Übergabestellwerk und melden uns an. Wenig später leuchten die beiden weißen Lampen des Wärtersignals auf.

Wir rollen los, fädeln uns in das von Zügen gesteckt volle nächtliche Gleisfeld des Rangierbahnhofs ein und tasten uns über viele Weichen bis zu dem Gleisstutzen vor, auf dem wir die Ankunft des Großgüterwagenzugs abwarten.

Es dauert nicht lange, da zieht die abgekuppelte 140er-Ellok surrend an uns vorbei. Der Wedauer Kollege, der die lange Schlange aus Fad-Wagen aus Koblenz an den Rand des Ruhrgebiets gebracht hat, schenkt uns einen kurzen Gruß; jetzt sind wir an der Reihe.

Wir setzen unsere Lok an den Zug, kuppeln an, Bremsprobe, Fertigmeldung, das Ausfahrtsignal schwenkt auf „zwei Flügel“ ...

Züge wie Gdg 9053 sind in keinem der festen Dienstpläne für Lokpersonale enthalten. Ihre Verkehrstage und die Lieferzechen an der Ruhr werden in monatlich erscheinenden Fahrplananordnungen bekanntgegeben.

Gdg 9053 kann somit mehrere Wege nehmen: unter Fahrdraht mit einer 140 weiter über Bottrop Hbf – Gladbeck West – Recklinghausen Ost – Hamm Rbf nach Bönen oder via Gelsenkirchen-Bismarck – Herne nach Castrop-Rauxel Hbf; oder es wird von der 140 auf eine Wedauer 50er umgespannt, die den bis zu 1.200 Tonnen schweren Zug auf der nichtelektrifizierten Güterbahn über Block Katzenbruch – Mülheim- Speldorf – Mülheim-Heißen – Essen Nord – Essen-Kray Nord bis Gelsenkirchen-Wattenscheid bringt. So wie bei uns heute; 28,7 Kilometer Strecke, Planankunft 5:12 Uhr.

Im Zielbahnhof Wattenscheid

Im Zielbahnhof Wattenscheid weiß man schon über unseren nächsten Einsatz Bescheid. Wir bekommen den Auftrag, zuerst mal als Lokzug ins Bw Wanne-Eickel zu dampfen. Dort folgen die nächsten Informationen.

So ist es auch: Nach Feuerputzen, Wasser- und Kohlenfassen sowie einer kurzen Ruhe nehmen wir einen Programmzug nach Bottrop Süd an den Haken; 13 Kilometer über Abzweig Bickern – Gelsenkirchen-Schalke – Essen-Karnap.

Von dort schickt man uns als Lokzug weiter zum Übergabebahnhof der Zeche Hugo in Gelsenkirchen, wo ein neuer Ganzzug (Gdg) zum Anschluss Mannesmann in Duisburg- Hochfeld Süd wartet. Er hat heute eine geringere Zuglast, deshalb genügt eine 50er statt einer 44er.

Wir fahren damit die Strecke Gelsenkirchen-Bismarck – Bottrop Süd – Abzweig Prosper Levin – Essen-Frintrop – Abzweig Walzwerk – Abzweig Mathilde – Sigle Bbf – Abzweig Lotharstraße, dann erreichen wir Duisburg-Hochfeld Süd.

Es ist auch diesmal keine lange Strecke, aber wir müssen immer wieder vor Halt zeigenden Signalen warten. In Duisburg-Hochfeld Süd hält man schon einen Leerzug ins Angertal nach Flandersbach für uns bereit – eine Standardleistung der Wedauer Personale.

Unser Dienst endet allerdings in Wedau, wo im Güterbahnhof die ablösenden Kollegen am Gleis bereit stehen.

Die Einsätze der letzten Jahre

Die Arbeit der Duisburger Lokführer unterscheidet sich in jener Zeit nicht wesentlich von der ihrer Kollegen in Wanne-Eickel, Gelsenkirchen-Bismarck, Hamm oder Oberhausen- Osterfeld Süd.

An manchen Tagen bekommt man Leistungen nur „um den Kirchturm herum“, so wie wir bei unserem Frühdienst.

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