Opfer der Neubautrasse

Mehr als 150 Höhenmeter und enge Krümmungen wurden 1856 in Kauf genommen, nur um nicht fremdes Gebiet zu berühren. Heute wächst Gras über die Geschichte, doch wir spüren ihr nach.

Am Kilometer 119,2, dem BÜ Rischenkrug, wartete Johannes Poets am 31. Mai 1980 auf den N 5552 Hann. Münden – Göttingen, den letzten seiner Art vor der Streckenstilllegung © Lok-Magazin
Als sich am 31. Mai 1980 mittags um 13:31 Uhr der Nahverkehrszug 5559 nach Kassel im Bahnhof von Göttingen in Bewegung setzt, ist dies das letzte Mal, dass ein Reisezug aus der südniedersächsischen Universitätsstadt ins benachbarte Hessen den Weg über Dransfeld nimmt. Dabei war der 1856 eröffnete südliche Streckenabschnitt der so genannten „Hannöverschen Südbahn“ Hannover –  Kassel als zweigleisige Hauptbahn geplant und gebaut worden.

Man kann die Linienführung der Dransfelder Bahn durchaus als ein Produkt der deutschen Kleinstaaterei bezeichnen. Um den damals wichtigen Handelplatz Hann. Münden mit seinem Hafen bahntechnisch zu erschließen, ohne dabei kurhessisches Gebiet zu berühren, wählte die Königlich Hannöversche Staatseisenbahn den topographisch anspruchsvollen Weg von Göttingen (148 m ü.N.N.) über Dransfeld (301 m ü.N.N.) nach Hann. Münden (142 m ü.N.N.).

Die ursprünglich durchgehend zweigleisig angelegte Trasse wies demzufolge Steigungen und Gefälle bis zu 16 Promille und Krümmungsradien von zum Teil nur 200 Metern auf. Aufwendige Dammschüttungen waren ebenso notwendig wie kostenintensive Kunstbauten. So war der 325 Meter lange Volkmarshäuser Tunnel der einzige im Königlich Hannöverschen Streckennetz! In Hann. Münden war eine mehrbogige steinerne Brücke über das Werratal erforderlich.

Schubbetrieb auf 16 Promille
Um den Höhenunterschied zwischen dem Leinetal und der Dransfelder Hochebene zu überwinden, verlief die Strecke in einer Schleife um den heutigen Göttinger Stadtteil Groß Ellershausen herum. Diese Steigung machte die Dransfelder Bahn unter Eisenbahnfreunden berühmt. Hier wurden die erwähnten 16 Promille erreicht, die es notwendig machten, schwere Züge von Göttingen bis Dransfeld nachzuschieben.

Lange Fernreisezüge waren bis zur Elektrifizierung der Nord-Süd-Strecke Hannover – Gemünden (Main) im Jahr 1963 das Markenzeichen der Dransfelder Rampe. Der Sommerfahrplan 1958 zum Beispiel verzeichnet in Nord-Süd-Richtung sieben lokbespannte D-Züge, darunter den D 76 Kiel – Lindau, den D 284 Bremerhaven – Karlsruhe und den D 512 Kopenhagen – Basel, alle mit Schublok auf der Rampe.

Nachdem 1963 die Nord-Süd-Strecke und 1964 die Werratalstrecke Eichenberg – Hann. Münden – Kassel elektrifiziert worden waren, bevorzugte die Deutsche Bundesbahn für den Personenfernverkehr eindeutig die zwar acht Kilometer längere, dafür aber wesentlich steigungsärmere und schnellere Verbindung von Göttingen über Bebra und Fulda in Richtung Süden.

Der Abschnitt Göttingen – Dransfeld – Hann. Münden blieb ohne Fahrdraht. Auch in Richtung Kassel und weiter zur Main-Weser-Bahn nahmen die Fernzüge fortan den elektrifizierten Weg über Eichenberg.

Ab Sommerfahrplan 1965 versank die Dransfelder Bahn in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie bis zu ihrer Stilllegung nicht mehr erwachen sollte. Überliefert allerdings ist eine am 17. März 1973 von der DGEG durchgeführte Sonderfahrt von Hannover nach Kassel. Zuglok war die 012 063 vom Bw Rheine. Standesgemäß wurde dieser Zug von Göttingen bis Dransfeld von der Ottbergener 044 149 nachgeschoben.

Auch vor einigen der verbliebenen Eil- bzw. Nahverkehrszügen machten sich die Güterzugdampfloks aus Ottbergen nützlich. Eine 044er-Stammleistung im Winterfahrplan 1974/75 war der morgendliche N 2503 von Göttingen nach Hann. Münden. Der Mittagszug N 5559 war bis Mitte der 1970er-Jahre ebenfalls häufig mit einer Dampflok bespannt.

In den letzten fünf Jahren bis zur Einstellung des Reiseverkehrs am 31. Mai 1980 verblieben auf der Dransfelder Bahn werktags lediglich vier Reisezugleistungen. Im Winterfahrplan 1978/79 verließ der mit einer 216 vom Bw Braunschweig bespannte N 5552 Hann. Münden morgens um 6:40 Uhr in Richtung Göttingen.

Um 13:31 Uhr war für den N 5559 in Göttingen die Abfahrtzeit in Richtung Kassel. Der Gegenzug erreichte Göttingen um 13:55 Uhr als N 5562, allerdings nur werktags außer samstags. Die Zugkreuzung fand planmäßig zwischen Groß Ellershausen und Dransfeld statt. Beide Mittagszüge waren mit Göttinger 212 bespannt. In Hann. Münden wurde von bzw. auf 141 des Bw Bebra gewechselt.

Nachmittags schließlich verließ, ebenfalls nur werktags außer samstags, um 16:45 Uhr eine 515/815-Garnitur vom Bw Hildesheim den Bahnhof Göttingen in Richtung Hann. Münden. Am Samstagnachmittag und am Sonntag herrschte Betriebsruhe.

Abschied mit zehn „Silberlingen“

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