Parthe-Brücke

Das schöne Foto mit der 03 156 von 1934 im Heft 11/2010 hat viele Leser bewegt, uns zu schreiben. Zwei interessante Briefe stellen wir hier vor. Von Wolfgang Müller
Die werksneue 03 156 im Jahr 1934 auf der Parthebrücke in LeipzigW. Hubert/Slg. H. Brinker © W. Hubert/Slg. H. Brinker
Die Aufnahme ist auf dem Hauptbahnhof in Leipzig gemacht worden. Die Lok steht auf Gleis 134 und hat soeben das Ausfahrgleis 134 b vom Lokschuppen 2 über die Weiche im abzweigenden Strang verlassen, um zum Zug zu fahren, was auch an der Lage der Schieberschubstange (rückwärts!) zu sehen ist. Das unmittelbar vor der Lok befindliche Gleis ist das Hauptgleis 6, das ganz im Vordergrund liegende ist das Hauptgleis 7, das von Zügen aus Eilenburg benutzt wird.

Damit erklärt sich das Abteilungszeichen „-0,1“, weil dieser Minus-Kilometer 1914 mit dem Neubau der Strecke Leipzig Hbf – Heiterblick entstand, die als neue Strecke rückwärts von Eilenburg kilometriert wurde. Der ursprüngliche Anfang dieser Strecke lag ja zuvor auf dem Eilenburger Bahnhof.


Schornstein der Mischgasanstalt

Die links zu sehenden Gebäude wie auch der Schornstein gehörten zur Mischgasanstalt, die das für die Beleuchtung der Reisezugwagen und Lokomotiven benutzte Ölgas erzeugte. Dieses Ölgas wurde aus Steinkohlenteer hergestellt, der in den
Kesselwagen angeliefert wurde.
Die Mischgasanstalt lieferte das Ölgas sowohl über Leitungen zu den Entnahmestellen in den Abstellgleisen des Hauptbahnhofes als auch an eine Füllstelle hinter dem Gebäude. Diese diente der Befüllung der Kesselwagen für die Versorgung anderer Reisezugwagenbahnhöfe.

Die Fahrleitung ist noch in der Bauart 1914 mit Quertragjochen ausgeführt und überspannt auf dem Foto nur die Zufahrt zum Lokschuppen und das Hauptgleis 6, das als Verbindungsgleis für Züge von Berlin nach Thüringen benutzt wurde. Die Eilenburger Gleise sind nicht elektrifiziert.

Blicken wir rechts von der Lok, so sehen wir einen Mitropa-Speisewagen in der Thüringer Abstellgruppe, dahinter das Dienstgebäude Eilgut auf dem Magdeburg-Thüringer Bahnhof. Dieses im Krieg ausgebrannten Gebäude wurde nach 1945 in vereinfachter Form wieder aufgebaut.

Der dahinter stehende Schornstein gehörte zum städtischen Elektrizitätswerk I, nach 1950 „Kraftwerk Dimitroff“, und war bei den Leipzigern als „Nordesse“ mit der respektablen Höhe von 156 Metern bekannt. Die Lok selbst steht auf der Parthebrücke, deren Sandsteingeländer in Pufferhöhe noch teilweise zu sehen ist.

Nur an diesem Geländer kann man heute den Aufnahmestandort überhaupt noch ausmachen, wie das Foto vom 11. Oktober 2010 zeigt, alle anderen Details der Aufnahme sind heute verschwunden. Bereits 1942 wurde die alte Fahrleitungsanlage ersetzt, 1969 wurde der Schornstein der Mischgasanstalt abgetragen. Die restlichen Gebäude fielen dem City-Tunnelbau nach 2005 zum Opfer. Die Nordesse wurde um 1997 abgebaut, weil die Stadtwerke ein neues Gas-Kraft- und Heizwerk errichteten.

Zur Zeit sind auch alle drei zu sehenden Gleise entfernt, an ihre Stelle tritt dann die zweigleisige Einfahrt in den Citytunnel aus Richtung Norden, deren Betonwanne unmittelbar hinter der Parthebrücke beginnt und auf dem Jetzt-Foto bereits zu sehen ist. Dieses Foto zeigt in etwa die gleiche Situation wie das Hubert-Bild, rechte Bildbegrenzung ist bei beiden der Abschlussblock des Sandsteingeländers der Parthebrücke.


Nun ist noch die Zahl „120“ auf dem rechten Puffer der 03 156 zu erklären. Diese Zugnummer dürfte der Schuppenfeuermann des Bw Berlin Anhalter Bahnhof angeschrieben haben, um sie für den E 120 Berlin Anh Bf – Leipzig Hbf zu kennzeichnen. Im Heimat-Bw war es nicht üblich, diese Kennzeichnung vorzunehmen, da der Schuppenfeuermann die Verwendung der eigenen Lok natürlich bestens kannte.

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