Studentenheizer: Auf dem Führerstand - 1970 im Bw Crailsheim

Der angehende Ingenieur Herbert Stemmler erfüllt sich einen Traum: Er arbeitet in den Ferien als Lokomotivheizer, verdient gutes Geld und erhält diverse Vergünstigungen bei Bahnreisen.

Autor: H. Stemmler

Die 023 048 leistet einer 44er Vorspann. Zu bewältigen war an jenem 4. Mai 1973 bei Schwäbisch Hall ein Durchgangsgüterzug in Richtung Crailsheim	Foto: Herbert Stemmler © Herbert Stemmler

Leicht verschnupft wurde im Bw Tübingen quittiert, dass ich im Spätsommer 1970 nach meiner ersten Heizerperiode dieser mir liebgewordenen Dienststelle vorübergehend untreu werden wollte. Es reizte mich, nunmehr auch auf anderen Strecken zu fahren und andere Lokomotiven kennenzulernen, so sagte ich jedenfalls. In Wirklichkeit war ich aber auch etwas eingeschnappt, weil ich in Tübingen trotz engagiertesten Einsatzes kein einziges Mal, außer einiger Meter am Kohlenstall, die meistens zu lang wurden, die Gelegenheit hatte, eine Dampflokomotive selbst zu fahren.

Einmal hatte mir ein Lokführer auf meine Verneinung der Frage, ob ich schon mal eine Lokomotive gefahren hätte, gesagt, das gäbe es doch nicht! Er stellte mir in Aussicht, nach der planmäßigen Übernachtung im „Schwarzen Loch“ – wie die Unterkunft im baufälligen Mengener Lokschuppen von den Lokführern scherzhaft genannt wurde – dürfe ich tags darauf die ganze Tour selbst fahren. Durch eine widrige Fügung des Schicksals kam es jedoch nicht mehr dazu: Wir wurden außerplanmäßig abgelöst!

So ergab es sich, dass ich bis zum heutigen Tag noch nie das Vergnügen hatte, eine preußische P 8 selbst zu fahren – außer in Polen.

In Crailsheim lockten die Schnellzug-Baureihe 03 und die Tenderloks T 18, und auch die schlanken modernen Personenzuglokomotiven der Reihe 23 übten einen unwiderstehlichen Reiz aus. Die berüchtigte 44er vor schweren Durchgangsgüterzügen war eine zünftige Herausforderung in der reizvollen Landschaft der Hohenlohe und des Kochertales.

Bahnbetriebswerk Crailsheim
Neben Heilbronn war das Bw Crailsheim Schwerpunkt des Dampfbetriebes in Nordwürttemberg. Die baulichen Anlagen zwischen der Heilbronner und der Aalener Ausfahrt waren historisch gewachsen und daher weitläufig. Es gab eine uralte doppelte Rechteck-Schuppenanlage aus der Zeit der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen. In dieser fanden allerdings nur noch Ausbesserungen statt. Daneben gab es einen moderneren Segment-Ringschuppen samt zweiter Drehscheibe neben den Kocherbahngleisen. Im Bereich der Bekohlungsanlage parallel zum Jagstbahngeis lag eine zweite Drehscheibe mit elf Freiständen.

Da Crailsheim früher Wechselbahnhof zu Bayern gewesen war, gab es auch ein bayerisches Bw am Nordostkopf des Inselbahnhofs. Dieses war zu Beginn der 1970er-Jahre allerdings schon längst verschwunden. Nur ein stilvolles Verwaltungsgebäude signalisiert dem geübten Auge heute noch den ehemaligen Standort. 

Seit 1920 beheimatete Crailsheim preußische P 8, deren Bestand 1963 mit 32 Maschinen einen Höhepunkt erreichte. Sie waren vor Bezirkseil- und Personenzügen bis Stuttgart, Ulm, Würzburg, Aschaffenburg, Heidelberg und Heilbronn eingesetzt. Ab Frühjahr 1966 wurden sie durch die modernere und kräftigere Reihe 23 verdrängt, das Maximum in den Jahren 1971/72 betrug 37 Stück! Damit beherbergte Crailsheim exklusiv in der BD Stuttgart mehr als ein Drittel der 23er der DB. 1969/70 waren 25 Maschinen mit 312 Kilometern mittlerer täglicher Laufleistung im Einsatz.

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