Über den Strelasund

Reichsverkehrsminister Dorpmüller erschien 1936 zur Eröffnung des Rügendamms. Mit ihm wurde eine Fährverbindung ersetzt. Bis heute erfüllt er seine Bestimmung. Von Erich Preuß

© Erich Preuß
Damit Eisenbahnfahrzeuge vom Festland auf die Insel Rügen gelangten, mussten sie vom Hafen in Stralsund über den etwa 2,5 Kilometer breiten Strelasund trajektiert werden. Die Übersetzung eines Zuges von Ufer zu Ufer erforderte 37 bis 45 Minuten, zumal jedes Schiff nur drei Schnellzugwagen aufnehmen konnte. Das war zeitraubend und hemmend, insbesondere als der Verkehr zum Fährhafen in Saßnitz und weiter nach Malmö – Stockholm immer mehr zunahm. Täglich fuhren fast 200.000 Reisende mit den Trajektschiffen und die 90 mal hin und her.
Die Fähranlage wurde durch einen Damm ersetzt, der außer der eingleisigen Eisenbahnstrecke  auch eine Straßenverbindung zur Insel Rügen aufnahm. Über die Finanzierung der Kosten von 16 Millionen Reichsmark verhandelten die Reichsbahn und die Schwedischen Staatsbahnen. Wegen der Arbeitsbeschaffung begannen die Bauarbeiten noch vor dem Ende dieser Verhandlungen, Grundsteinlegung war im August 1931.

Die Reichsbahndirektion Stettin stellte die Mittel für die Verlegung der Gleise vom Bahnhof Stralsund zum geplanten Haltepunkt Stralsund Hafen, dem späteren Bahnhof Rügendamm, zur Verfügung. Das Geld für den Straßenbau kam von verschiedenen Institutionen der Reichsverwaltung.

Der Damm mit einer Kronenbreite von 13,5 Meter (5,50 Meter für den Bahnkörper, acht Meter für die Straße) beginnt am Festland südlich des Stralsunder Hafens, führt über den Nordrand der im Strelasund gelegenen Insel Dänholm und erreicht die Insel Rügen nahe dem bisherigen Bahnhof Altefähr. Über den Anschluss des Rügendamms an die Strecken des Festlandes schrieb die Reichsbahndirektion Stettin 1934: „In einem weit nach Süden ausholenden Bogen, welcher später den tangentialen Abschluß einer direkten Verbindung mit der Strecke von Pasewalk bezw Neubrandenburg ermöglicht, wird die Rügendammstrecke vom Bahnhof Stralsund aus an den sogenannten Ziegelgraben herangeführt. Hier vereinigt sich die Eisenbahnstrecke mit der von dem Fernstraßennetz abgezweigten Anschlußstraße und verläuft dann dicht neben dieser auf den Klappbrücken über den Ziegelgraben zum Dänholm und von dort auf der Flutbrücke über den Strelasund nach Rügen.

Diese nahe dem Ziegelgraben liegende Vereinigungsstelle der Eisenbahnstrecke mit der Autostraße ist für die Anordnung des neuen Bahnhofs Stralsund Hafen gewählt worden.“
Das auf einem nassen Wiesengelände errichtete Gebäude des Bahnhofs Rügendamm musste auf Pfählen gegründet werden. Es wurde parallel zum Bahndamm angeordnet und „in bescheidendsten Ausmaßen“ ausgeführt. Räume für eine Bahnhofswirtschaft waren nicht vorgesehen. Später sollte für sie ein Seitenflügel angebaut werden, weil die Stadtverwaltung die Ansicht vertrat, dass sich „nicht nur wegen des zu erwartenden stärkeren Reiseverkehrs, sondern auch wegen des Straßen- und Kraftwagenverkehrs eine Gaststätte dringenden erforderlich macht.“ Die MITROPA bewirtschaftete über Jahrzehnte die Bahnhofswirtschaft; die Wartehalle wurde deren Teil. Zum Bahnhof Rügendamm gehören auch die Stellwerke „Rüf“ (Befehlsstellwerk) und „Zig“ (Wärterstellwerk), elektromechanisch der Bauform Siemens & Halske 1912. Der Wärter des Stellwerks „Zig“ ist gleichzeitig Wärter für die Klappbrücke.

Inbetriebnahme am 5. Oktober 1936
Die Straße über den Sund konnte bereits 1935 benutzt werden, die Bahnanlagen mit der eingleisigen Verbindungskurve („Berliner Kurve“) von der Hauptbahn Angermünde – Stralsund, dem Stellwerk „Srg“ der Abzweigstelle, den neuen Bahnhöfen und dem Rügendamm wurden am 5. Oktober 1936 in Betrieb genommen. Reichsverkehrsminister und DR-Generaldirektor Julius Dorpmüller verabschiedete sich im alten Hafen von den Fährleuten; besichtigte von der „Altefähr“ aus mit den Gästen den Neubau und benutzte in Stralsund den Sonderzug mit der Lokomotive 62 008, um die neue Eisenbahnverbindung zur Insel Rügen zu eröffnen. Von Saßnitz kam D 14 Oslo/Stockholm – Berlin mit den schwedischen Gästen nach Altefähr.
Der neue Bahnhof liegt am Ende der 4,5 Kilometer langen Neubaustrecke, davon 2,5 Kilometer auf dem Damm. Auf der Ostseite gingen die Gleise in die bestehenden nach Saßnitz über. In Altefähr begann auf dem alten wie neuen Bahnhof auch die Schmalspurstrecke nach Putbus (am 23. September 1967 stillgelegt). Der Entwurf hatte die Anlagen für den normalspurigen Verkehr auf der westlichen Seite vorgesehen, dort, wo der Ort und die Rügendammstraße liegen. Die Lage der Bahnsteige wurde von der Höhe des Rügendamms bestimmt. Vom tiefliegenden Empfangsgebäude sollte als Zugang zu den hoch gelegenen Bahnsteigen die Straßenunterführung neben dem Gebäude genutzt werden.

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