Die EDV-Umzeichnung der DR von 1970: Regel und Ausnahmen

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An den Zahlen sind Nietzapfen mit 120 mm senkrechten Abstand angegossen, von der Senkrechten weicht aber die „4“ wegen ihrer Geometrie ab. Die Ziffern aus einer Aluminium-Silizium-Legierung wurden in der Gießerei Sandermann KG in Berlin Mitte hergestellt. Sowohl beim Formen und Gießen als auch bei der Fertigbearbeitung war sehr viel Handarbeit erforderlich.
Die fertigen Ziffern wurden nach Pockau-Lengefeld ins Erzgebirge geliefert. Im ehemaligen Bahnbetriebswerk befand sich seit 1966 eine „Zentralwerkstatt für Vorrichtungen und Arbeitsmittel“, die dem Bw Karl-Marx-Stadt unterstellt war. Das bekannteste Erzeugnis dieser Werkstatt war ein Universal-Putzgerüst für Lokomotiven, das fast in jedem Bw zu finden war. In Pockau wurden die Blechtafeln mit den Ziffern zu Nummernschildern komplettiert. Der Ausstoß an fertigen Nummernschildern betrug zeitweise 1.000 Stück pro Tag.

Im Prinzip wurden für jedes Triebfahrzeug vier Nummernschilder beschafft. Aus Zweckmäßigkeits- und Sparsamkeitsgründen wurde davon in folgenden Fällen abgewichen:
–    Kleinlokomotiven und alle Trieb-, Steuer- und Beiwagen erhielten wie bisher auch die neuen Nummern nur angeschrieben,
–    Diesellokomotiven der Reihen V 15, V 23 und V 36 bekamen auch wie bisher nur je ein Schild an den Führerhausseitenwänden,
–    Dampflokomotiven der Länderbauart, bei denen die Betriebsnummer nur durch Bindestrich und  Selbstkontrollziffer zu ergänzen war, behielten vorerst ihre Schilder, die Selbstkontrollziffer
wurde auf den Hintergrund aufgemalt,
–    die übrigen Dampfloks der Länderbauart, deren Ausscheiden aus dem Betriebspark bis 1975 absehbar war, erhielten vorerst nur ein neues Nummernschild, das an der Rauchkammer anzubringen war, die Betriebsnummern am Führerhaus und an der Tenderrückwand sollten mit Schablonen in gleicher Schriftart- und Größe angeschrieben werden.

Damit waren alle Diesellokomotiven der Baureihen V 60, V 100, V 180 und V 200, alle Elloks und alle Einheits,- Reko- und Neubau-Dampflokomotiven vollständig mit neuen Schildern auszurüsten. Übrigens wurden für in dieser Zeit neu zu liefernden Loks die Nummernschilder von der DR der Industrie zur Verfügung gestellt. Lediglich die von der UdSSR gelieferten V 200 wurden erst nach der Abnahme bei der DR mit den neuen Betriebsnummern versehen. Grund waren hier die in den Lieferverträgen festgeschriebenen Guß- bzw. Emailleschilder dieser Baureihe. Im ersten Halbjahr 1970 wurden Loks der Baureihen E 11, E 42, V 60, V 100 und V 180 von der Industrie geliefert. Bereits mit neuer Betriebsnummer wurden die Maschinen ab 211 043, 242 174, 106 611, 110 201 und 118 399 in Dienst gestellt. Von der im Umzeichnungsplan genannten Baureihe V 300 stand ein Prototyp als V 300 001 auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1969, dieser ging aber an das sowjetische Herstellerwerk zurück, die erste an die DR übergebene Lok erschien im Frühsommer 1970 als 130 001-1. Auch die 1970 ausgelieferten Loks der neuen Baureihe V 231 bekamen gleich ihre EDV-Nummern ab 102 101-3 angebracht.   
 

6 Uhr am 1. Juni 1970
In den Bahnbetriebswerken begann die Anbringung der neuen Schilder ab Anfang März 1970, je nach ihrem Eintreffen aus Pockau-Lengefeld. So tauchten dann zunehmend die neuen ungewohnten Loknummern im täglichen Einsatz auf. Bis Ende Mai 1970 war die überwiegende Anzahl der Triebfahrzeuge umgezeichnet, einzelne Loks mit alter Betriebsnummer waren noch im August 1970 zu sehen, da hatte man sich schon an das neue System gewöhnt.

Aus abrechnungstechnischen Gründen galt die alte Betriebsnummer bis zum 1. Juni 1970 um 5.59 Uhr. Sie war deshalb bei den bereits umgezeichneten Loks auf dem Führerstand anzuschreiben. Ab 1. Juni 1970 um 6.00 Uhr galt die neue Betriebsnummer, die Anschrift im Führerraum war dann zu löschen. Die genaue Uhrzeit 6.00 Uhr ergibt sich aus dem Abrechnungstag der DR, der stets von 6.00 bis 5.59 Uhr des Folgetages reichte, man nannte ihn auch den „Dispatchertag“.

Die Ausnahmen von der Regel
Obwohl im neuen System die alte Betriebsnummer relativ leicht erkannt werden konnte, ging es in der Praxis doch nicht ohne Probleme ab.
Bei den Dampflokomotiven, die in einer Baureihe sowohl dreistellige als auch vierstellige Ordnungnummern aufwiesen, mussten Kompromisse gemacht werden, um eindeutige Zuordnungen zu erreichen. Außerdem war davon die Einordnung der Öl- und Kohlenstaubloks betroffen, da mit der Festlegung auf „0“ bzw. „9“ in der Ordnungsnummer hier nur ein begrenzter Nummernvorrat bestand.

Hier zwei Beispiele:  –    52 1438 = 52 1438-2, 52 438 = 52 1538-8 oder –    58 1311 = 58 1311-8, 58 311 = 58 1111-2
 

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