Auf Nebenbahnen durch die Altmark 1990

Die Öffnung der Grenze Ende 1989 brachte nicht nur den DDR-Bürgern ungeahnte Reisemöglichkeiten, auch Bundesbürger konnten jetzt das DR-Land besuchen, ohne durch Visum und Zwangsumtausch gegängelt zu werden.

Bahnhof Fleetmark und die 119 191 mit einem Personenzug von Salzwedel nach Stendal © Lok-Magazin
Seit 1975 hatte ich die DDR oftmals besucht, immer auf der Jagd nach den letzten Dampflokomotiven. Anfang 1990 hingegen hatte es längst ausgedampft, sieht man einmal von den Schmalspurbahnen ab. Jetzt galt es, den normalen DR-Betrieb zu erleben und zu fotografieren – und das ohne Stress, denn an die Stilllegungswellen der nächsten Jahre war noch nicht zu denken, wie auch eine Vereinigung der beiden deutschen Bahnen noch nicht absehbar war.

Angeregt durch ein Transpress-Buch über die Kleinbahnen in der Altmark, das ich irgendwann einmal geschenkt bekommen hatte, führte mich eine meiner ersten DR-Touren nach der Grenzöffnung im Februar 1990 in diesen dünn besiedelten Landstrich.

Ein Vergleich der Streckenkarte aus dem damals gültigen Kursbuch mit den Karten aus dem Buch zeigte zwar deutlich, dass von einem Nebenbahn-Netz in der Altmark schon kaum mehr gesprochen werden konnte, aber immerhin gab es sie noch, die letzten ehemaligen Kleinbahnen dort.

Salzwedel – Diesdorf zuerst schmalspurig
Nach einem kurzen Aufenthalt an der Strecke Oebisfelde – Salzwedel, die nicht auf eine Privatbahn-Vergangenheit zurückblicken konnte und fast hauptbahnmäßig wirkte, ging es an die Nebenbahn von Salzwedel über Dähre nach Diesdorf. 1900/1901 als meterspurige Kleinbahn eröffnet, war die Strecke in den 1920er-Jahren auf Normalspur umgebaut worden, wobei sie teilweise auch neu trassiert wurde.

1990 war es dort schon sehr ruhig geworden, einzelne LVT der Baureihe 171 besorgten den spärlichen Reisezugverkehr, und auch der Güterzug mit einem Salwedeler „Goldbroiler“ der Baureihe 105 war nur schwach ausgelastet, wie ich bei meinem Besuch in Diesdorf feststellen konnte.

Der kleine Nebenbahnknoten mit seinen umfangreichen Gleisanlagen war insgesamt nur noch ein Schatten seiner selbst: Einst konnte man von dort auch nach Wittingen fahren, die innerdeutsche Grenze sorgte für die Stilllegung dieser Strecke. Auch die Strecke nach Beetzendorf war bereits Geschichte, Anfang der 1970er-Jahre endete hier der Personenverkehr.

ET 25 201 als Kindergarten
In Dähre besuchte ich zunächst den Bahnhof mit seinem schmucken, erst in den 1930er-Jahren entstandenen Empfangsgebäude, vor dem ein 171 auf seine Weiterfahrt wartete, die nach wenigen Minuten ohne Fahrgäste erfolgte.

In Dähre hatte ich auch meine erste und letzte Begegnung mit den Resten des einstigen ET 25 201: Ein Trieb- und ein halber Mittelwagen, die zuletzt als Unterkunft eines Kindergartens gedient hatten, standen ausgebrannt in einem Vorgarten, ein weiterer Wagen des Zuges wurde auf einem Acker gerade zerlegt und in handliche Blechportionen zerschnitten.

Mein nächste Ziel war Salzwedel, das Altmark-Zentrum: Im Hauptbahnhof herrschte Betrieb wie eh und je, und auch das Bahnbetriebswerk stand noch in voller Blüte. Dieselloks und Triebwagen beherrschten das Bild, eine 50.35 stand noch als Heizlok bereit, und mit der 41 1303 war gerade ein neuer Dampfspender frisch lackiert aus Meiningen eingetroffen.

Gegenüber dem Hauptbahnhof wartete der Kleinbahnhof, von dem die Diesdorfer Züge abfuhren, mit einer Überraschung auf: Rührige Reichsbahner und Eisenbahnfreunde hatten dort eine Sammlung alter Triebwagen-Beiwagen auf einem nicht mehr benötigten Bahnsteiggleis aufgestellt – Fahrzeuge, wie sie einst hinter Dampf- und Dieselloks auf den altmärkischen Kleinbahnstrecken zum alltäglichen Bild gehört hatten. Keine eingeworfenen Fensterscheiben, kein Graffity – was waren das nur für Zeiten!

Fast nichts blieb erhalten
Auch die Hauptbahn von Stendal nach Salzwedel vermittelte noch unverfälscht die Stimmung der Reichsbahn. Nur diese eine Strecke wurde mittlerweile modernisiert und elektrifiziert und führt wieder weiter nach Uelzen. Mein nächster Besuch galt der Strecke Beetzendorf – Badel – Kalbe, einer klassischen Kleinbahnstrecke mit Gleisen in Sandbettung.

Auch dort herrschten 171 vor, die in Beetzendorf vom Kleinbahnhof abfuhren und über unglaublich schlechte Gleise Richtung Kalbe schlichen – in diese Strecke hatte die DR wohl über Jahrzehnte nichts mehr investiert. So verwundert es kaum, dass dort schon am 10. März 1991 der letzte Reisezug fuhr.

Jeder Tag geht einmal zu Ende, und so war die Sonne schon fast untergegangen, als mir in Kalbe noch der Nahgüterzug aus Hohenwulsch begegnete: Hinter der V 60 lief ein hölzerner Güterzugbegleitwagen der Kriegsbauart mit – was es so alles bei der DR im Jahr 1990 noch gab!

Seiten

Tags: 
Weitere Themen aus dieser Rubrik

ET 184 41, 42/ ET 185 01: Elektrische Pioniere

Am 4. Dezember 1895 eröffnete die Localbahn AG in Württemberg zwischen Meckenbeuren und Tettnang die erste elektrische Vollbahn in Europa.

Für den...

weiter

Baureihe 140 im Emsland: Die Funken schlagen

Im Emsland tummelten sich früher die Dampflokfans. Doch Geschichte wiederholt sich: Das Emsland zieht heute Ellok-Nostalgiker an. Warum das so ist, lesen Sie hier!

Lokführer im Ruhrgebiet in den 1970ern: Oft um den Kirchturm herum

In den frühen 1970er-Jahren arbeitet Peter Schricker als Lokheizer im Bahnbetriebswerk Duisburg-Wedau. Seine Dampflok-Einsätze sind die typischen jener Jahre:... weiter