Baureihe 199.8

Vor 20 Jahren traf mit der 199 863 die erste auf Meterspur umgebaute Diesellok der Baureihe V 100 der DR im Harz ein.

Text: A. Goschalla
Juni 1991 in Drei Annen Hohne: 199 879 trägt mit Schablonen aufgetragene Betriebsnummer(Von A. Goschalla) © A. Goschalla

Montag, 21. November 1988: Wie jeden Tag herrscht auf dem Bahnhof Wernigerode Hochbetrieb. Nahgüterzüge werden auf­gelöst und gebildet. Die zahlreichen Anschlüsse müssen bedient werden und die Fahrgäste warten auf ihre Züge nach Halberstadt, Ilsenburg oder in den Harz. Kaum ein Eisenbahner, geschweige denn einer der Reisenden auf dem Bahnsteig, nimmt daher Notiz von der ungewöhnlichen Fuhre, die an diesem trüben Herbsttag den Bahnhof der bunten Stadt am Harz erreicht. An der Spitze des Lokzuges läuft die frisch lackierte 112 788 des Bw Brandenburg. Dann folgt eine zweite V 100. Doch diese trägt eine völlig andere Betriebsnummer: 199 863-8 ist an dem Führerhaus der Diesellok zu lesen. Hinter der Maschine folgt schließlich ein Transportwagen, auf dem zwei dreiachsige Schmalspur-Drehgestelle stehen.

Ein wenig zur Vorgeschichte
So begann vor 20 Jahren der geplante Traktionswechsel bei den Schmalspurbahnen im Harz. Die Vorgeschichte der Baureihe 199.8 ist hingegen deutlich älter. Mit der Energiekrise in der DDR nahm die Bedeutung der Eisenbahn als wichtigster Verkehrsträger deutlich zu. Auch das Frachtaufkommen auf der Harzquer- und Brockenbahn stieg ab dem Sommer 1981 kontinuierlich an. Mit dem Bau eines neuen mit Braunkohle gefeuerten Heizkraftwerkes in Silberhütte und dem Wiederaufbau des 1946 demontierten Abschnitts Straßberg – Stiege erwartete die Rbd Magdeburg ab 1983/84 einen erheblichen Anstieg des Frachtaufkommens. 

Um den volkswirtschaftlich wichtigen Güterverkehr aufrecht zu erhalten, arbeitete die Rbd Magdeburg ab Ende 1983 für die Schmalspurbahnen im Harz einen so genannten „Aufgaben- und Kontrollplan“ aus. Breiten Raum nahm darin auch die weitere Entwicklung des Fahrzeugparks ein. Bis dahin bildeten die 17 Neubau-Dampfloks der Baureihe 99.23-24 das Rückgrat in der Zugförderung. Allerdings bereiteten vor allem die Rahmen der inzwischen 30 Jahre alten Maschinen dem Bw Wernigerode und dem zuständigen Raw Görlitz erhebliches Kopfzerbrechen. Dies galt noch viel mehr für die im Selketal eingesetzten Mallet-Maschinen der Baureihe 99.590. In Anbetracht dessen brachte die Rbd Magdeburg die baldige Ablösung der Dampfloks ins Spiel. Nach der Bestätigung des „Aufgaben- und Kontrollplans zur Herstellung und Sicherung der Leistungsfähigkeit des Harzer Schmalspurnetzes“ durch das Ministerium für Verkehrswesen am 20. Juni 1984 waren die Weichen für den Traktionswechsel gestellt.

Güterverkehr im Harz enorm wichtig
In der Einleitung des „Aufgaben- und Kontrollplans“ hieß es: „Im Gegensatz zu anderen erhaltungswürdigen Schmalspurbahnen hat der Güterverkehr gegenüber dem Reiseverkehr keine untergeordnete Bedeutung, sondern vor allem durch die (...) Verlagerung von Straßentransporten auf die Schiene ist künftig noch verstärkte Beachtung erforderlich. Der vorliegende Aufgaben- und Kontrollplan dient deshalb neben der Wahrung touristischer Aufgaben (...) vordringlich der Sicherung der Anforderungen der Volkswirtschaft an den Reise- und Güterverkehr.“ Die Prognose der Rbd Magdeburg war richtig: Von 1983 bis 1985 stieg das Frachtaufkommen im Harz um rund 67 Prozent an.

Einen ungefähren Zeitplan für den Traktionswechsel im Harz gab es bereits. Die Rbd Magdeburg legte in ihrem Aufgaben- und Kontrollplan fest: „Ab 1987 ist mit dem Einsatz von Diesel-Tfz als Ableitungsvariante der BR 110 zu rechnen, die perspektivisch den gesamten Dampflokpark ablösen sollen. Diese Tfz überschreiten die Fahrzeugbegrenzungslinie für Schmalspur erheblich, was z.B. für Toreinfahrten, Sicherheitsabstände, freie Arbeitsräume zu beachten ist.“

Voruntersuchungen
Doch das war zunächst noch Zukunftsmusik. Bevor mit den konkreten Planungen, geschweige denn mit dem Umbau von Dieselloks auf Meterspur begonnen werden konnte, waren zahlreiche Voruntersuchungen notwendig.
Die zunächst erwogene Beschaffung von Schmalspur-Dieselloks aus dem Ausland scheiterte an fehlenden Devisen. Ein Neubau in der DDR war wegen der beschränkten Kapazitäten in der Schienenfahrzeug-Industrie nicht möglich und wäre aufgrund der beschränkten Stückzahl auch kaum wirtschaftlich gewesen. Also blieb nur der Umbau. Um die auf den Strecken der Schmalspurbahnen im Harz zugelassene Achsfahrmasse von zehn Tonnen nicht zu überschreiten, mussten die Dieselloks der Baureihe 110 mit dreiachsigen Drehgestellen ausgerüstet werden.

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