Das Bw Ottbergen und seine 44er

Bereits 1937 erhielt das Betriebswerk im Weserbergland seine ersten 44er. Bis 1976 fuhren die schweren Drillinge. Immer war ihr Pflegezustand sehr gut. Das lag an der Verbundenheit der Personale mit ihren Maschinen und erfreute die Eisenbahnfotografen.

Die 044 209 – mit Läutewerk hinter dem Schornstein – führt am 12. Juli 1975 einen Güterzug nach Ottbergen über den Viadukt bei Greene in der Nähe von Kreiensen. Foto: Dietmar Falk © Dietmar Falk
Das im Weserbergland gelegene Betriebswerk Ottbergen verdankt seine Entstehung der Vervollständigung einer Güterrollbahn vom Ruhrgebiet zum sächsischen und anhaltinischen Industrierevier in den 1870er-Jahren.

Als 1878 die 64 Kilometer lange Verbindungsbahn zwischen den Fernlinien Hamm – Altenbeken – Ottbergen (– Holzminden) sowie Northeim – Nordhausen – Halle (Saale) in Betrieb genommen wurde, avancierte die bis dato unbekannte Ortschaft Ottbergen zu einem wichtigen Knotenpunkt an der mehr als 350 Kilometer langen Verbindung Hamm – Halle (Saale).

Erwartungsgemäß entwickelte sich auf dieser Rollbahn ein besonders hohes Güterverkehrsaufkommen, das in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in etwa dem der Relationen Berlin – Lehrte oder Berlin – Hamburg entsprach.

Im Weserbergland und seiner Umgebung entstanden aber auch andere bedeutende Eisenbahnstrecken. Die bewegte Topografie dieser Landschaft und politisch ungünstige Faktoren, wie z. B. die Kleinstaaterei, ließen dort ein Streckennetz entstehen, das überwiegend durch krümmungsreiche Trassen mit lang anhaltenden Steigungen und einigen Tunnels geprägt war.

Diese schwierigen Trassen führten gemeinsam mit den zum Teil beträchtlichen Zuglasten dazu, dass bereits 1937 die ersten acht 44er der so genannten Zwischenausführung (44 013 bis 022, geliefert von Henschel in Kassel) dem Bw Ottbergen zugeteilt wurden. Ottbergen unterstand seinerzeit auch der RBD Kassel.

In den Jahren 1938 bis 1943 folgten weitere 20 fabrikneue Maschinen, die teils der Standard- und teils schon der Übergangs-Kriegsausführung (ÜK) angehörten. Mit den 44ern konnten Tonnagen bewältigt werden, welche die bis dahin dort eingesetzten Loks der Baureihe 5810 (preußische G 12) nur mit Vorspann zu befördern vermochten.

Der Betriebsdienst legte aber Wert darauf, die Güterzüge aus wirtschaftlichen Gründen möglichst nur mit einer Lok zu bespannen. Insofern bedeutete der Einsatz der schweren Dreizylinder-Einheitslok gegenüber der G 12 einen echten Fortschritt.

Verkehrshöhepunkt im Zweiten Weltkrieg
Der Krieg mit der auf Hochtouren laufenden Rüstungsproduktion bewirkte für die Rollbahn Hamm – Halle (Saale) einen gewaltigen Verkehrszuwachs. So waren an der gesamten Verbindung im Jahr 1944 nicht weniger als 200 (!) Güterzugloks der Baureihe 44 stationiert. Sie verteilten sich auf die Bahnbetriebswerke Hamm, Soest, Paderborn, Ottbergen, Northeim, Nordhausen, Sangerhausen und Halle (Saale) G.

Die 28 Loks des Bw Ottbergen wurden in erster Linie auf dem 233 Kilometer langen Abschnitt Soest – Ottbergen – Nordhausen „aus der Mitte heraus“ eingesetzt. Durchgehende Züge wurden in Ottbergen von 44 auf 44 umgespannt und die betreffenden Lokomotiven in Ottbergen versorgt. An zweiter Stelle rangierte der Einsatz der 44er auf der 122 Kilometer langen Strecke von Ottbergen über Kreiensen nach Börßum.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte gravierende Auswirkungen auf diese Einsätze, weil nun die einstige West-Ost-Güterrollbahn unterbrochen war. Die Zonengrenze durchschnitt die Route 117 Bahnkilometer östlich von Ottbergen bei Walkenried am Südharz.

Infolgedessen ruhte der Bahnverkehr im Grenzbereich für etwa zweieinhalb Jahre komplett, bis er nach zähen Verhandlungen im November 1947 wieder aufgenommen wurde. Nie wieder erreichte jedoch der Güterverkehr eine Bedeutung wie vor oder während des Krieges. Aufgrund der politischen Neuordnung Westdeutschlands war das Bw Ottbergen 1945 auch der Direktion Hannover zugeschlagen worden.

Auch der 44er-Bestand nahm in den Nachkriegsjahren wegen der verkehrsgeografischen Veränderungen allmählich ab: Waren es 1949 immerhin noch 21 Loks, so wurde 1962 ein Minimum von 15 Maschinen gezählt. Auffällig ist jedoch, dass der kleine Bestand recht großräumig eingesetzt wurde.

So zogen Ottbergener 44er zum Beispiel im Sommerfahrplan 1965 Güterzüge auf den Strecken Soest – Ottbergen – Herzberg (Harz) über 192 Kilometer, Kassel – Altenbeken – Lehrte (215 km) sowie Kassel – Göttingen – Braunschweig (167 km). Außerdem setzte man die Loks nun auch vor einigen Personen- und Eilzügen ein.

Die letzte 44er-Hochburg
Etwa ab Mitte der 1960er-Jahre kam deutlich Bewegung in die Entwicklung des Ottbergener Bestandes an Lokomotiven der Baureihe 44. Und das hatte folgende Ursache: Bis 1963 war die Nord-Süd-Strecke Hannover – Bebra – Würzburg als eine der am stärksten belasteten Verkehrstrassen der Deutschen Bundesbahn vollständig elektrifiziert worden. Der Güterverkehr war derart umfangreich, dass bei der Aufnahme des elektrischen Betriebes noch gar nicht genügend neue Elloks zur Verfügung standen.

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